Ich lebe mittlerweile sehr zurückgezogen. An Geld mangelt es mir nicht, ebenso wenig wie an Selbstzweifeln.
Ich habe die Gesellschaft verändert. Nicht eine, sondern die globale Gesellschaft, die so genannte Net-Generation, die ihren Lebensstil seit Mitte des ersten Jahrzehnts im neuen Jahrtausend konsequent auf die Nutzung des Internets ausgerichtet hat. Jene Generation, für die das Internet Kommunikations-, Informations- und Selbstdarstellungsmedium in einem ist. Die Veränderungen, die meine Idee bewirkt haben, sind so nachhaltig, wie es kaum eine andere Idee eines einzelnen Menschen geschafft hat.
Damals, im Jahr 2010 gab es kein Thema, für das keine passende Web-Umgebung zu finden war, kein Lebensbereich, der durch das Internet nicht immens erweitert geworden wäre. Und natürlich wurde das Grundbedürfnis nach Partnerschaft, Nähe oder bloßem Sex auf ganz neue Weise befriedigt, da der Zugriff auf jedwede Spielart der menschlichen Liebe extrem vereinfacht wurde, die Kontaktaufnahme nur noch einen simplen technischen Akt darstellte und Nutzerdatenbanken liebeshungriger aber sozial degenerierter Massen gegen ein geringes Entgelt durchsucht werden konnten. Nie war die Beziehungsanbahnung, dieser komplizierte Prozess des Suchens und Werbens nach dem geeigneten Partner einfacher, als in der Internet-Gesellschaft die sich zu dieser Zeit unter dem Einfluss der als „Web 2.0“ bezeichneten Denkweise formte.
Dennoch nahm die Vereinsamung weiterhin zu, die Singlequoten insbesondere in den Großstädten zeichneten einen Fiebergrafen der sozial zerstörten Gesellschaft. Denn der eigentliche Prozess der Annäherung, die Courage, einem anderen Menschen die Begeisterung für ihn auszusprechen, blieb weiterhin als Hürde bestehen. Die Gefahr, dass die empfundene Zuneigung nicht erwidert werden könnte und somit der Traum auf eine glückliche Zukunft und sämtlicher Kontakt zerstört werden würde, wurde auch durch webbasierte Kommunikationswege nicht gebannt. Es blieben die Urängste der Menschen vor fehlender Bestätigung und Anerkennung.
Auch wenn das schnelle und heftige Zusammenkommen durch das Internet erleichtert wurde – längerfristige Beziehungen entstanden zumeist nicht aus derartigen Situationen, denn der Umgang mit wirklicher Liebe und Zuneigung in der kalten Welt der Realität war dem modernen Menschen fremder denn je.
Diese Probleme löste ich schlagartig, als ich mit Matchr.com die Notwendigkeit, soziale Kompetenzen zur Beziehungsanbahnung bemühen zu müssen, für immer abschaffte.
Matchr war als Antwort auf die meiner Meinung nach völlig unsinnigen und nur zur Generierung von Umsätzen geschaffen Online-Partnerbörsen gedacht. Alle diese Plattformen führten nichts anderes als Listen von Personen, die (möglicherweise) ein grundsätzliches Interesse an einer neuen Partnerschaft oder Affäre besitzen. Ausgestattet mit Information zu Hobbies, besonderen Vorlieben, dem Alter und der üblichen Aufenthaltsgegend begab sich der Paarungssuchende letztlich auf die Jagd nach zur geschlechtlichen Orientierung passenden Personen im gewünschten Alter in erreichbarer Nähe, die gerade ebenfalls online waren um daraufhin mit vorbereiteten Standardnachrichten in möglichst großer Zahl von ihm angeschrieben zu werden.
Ich halte nichts von diesen Plattformen und Matching-Systemen. Wenn nach mühseligem Nachrichtenschicken und anderen unsagbaren Kommunikationspeinlichkeiten dann ein Kontakt zu Stande kommt, ist dieser ungefähr so zufällig, wie zu einer Person, die neben einem in der Metro sitzt. Lediglich die Erweiterung um ein genetisches Matching, wie es Genepartner.com vorgemacht hat – der Nutzer konnte anhand einer GenePartnerID, die auf der Analyse von Speichelproben beruhte, einen genetischen Übereinstimmungsgrad ermitteln – stellte aus meiner Sicht eine gewisse Erleichterung dar, sofern man dem Verfahren trauen mochte.
Alle diese Ansätze brachten mich jedoch nicht von meiner Überzeugung ab, dass wirkliche Liebe nur im realen Leben zu finden ist. Liebe entwickelt sich nur, wenn man einen Menschen intensiv und mit allen Facetten kennen lernt. Verliebtsein erwächst ausschließlich aus der Beobachtung im realen dreidimensionalen Raum statt auf pixeligen Bildern. Wenn es so weit ist, steht der heutige Mensch wie seit Anbeginn vor dem Problem, seine Gefühle ausdrücken zu müssen und dabei die Angst vor dem potentiellen Alleinsein zu überwinden. Zwar helfen Partnerbörsen, neue Menschen überhaupt kennenzulernen, aber scheitern, wenn Verliebte ihre Gefühle aus Unvermögen nicht miteinander verhandeln können.
Hier setzte ich mit dem erschreckend einfachen Konzept von Matchr an: Man stelle sich eine Datenbank vor, die den Zuneigungsstatus eines Menschen gegenüber anderen Menschen kennt und völlig automatisch und anonym gegeneinander abgleicht. Erst wenn zwei Menschen ihr Zuneigungslevel gegeneinander gleich hoch gesetzt haben, lüftet Matchr das Geheimnis. Und bucht gleich noch einen Tisch in dem Restaurant eines Affiliate-Partners, womit Matchr von vornherein finanziell auf ein äußerst tragfähiges Fundament gestellt wurde.
Der Rest ist bekannt: In den drei Rubriken „Ich würde die Person gern wiedersehen“, „Ich wünsche mir einen Beziehung mit dieser Person“ und „Ich möchte eine unproblematische sexuelle Affäre mit dieser Person“ konnten Nutzer ihr Interesse an anderen Menschen angeben. 5 Millionen Nutzer konnten wir in den ersten drei Wochen allein in Deutschland gewinnen. Nach etwa einem Jahr waren es weltweit 500 Millionen und damit jede zweite Person, die über einen Internetzugang verfügte.
Matchr wurde fast über Nacht zum Must-Have für jeden Netzmenschen – schließlich war der Nutzen enorm und das Risiko gering. Alle großen Social-Networks boten schnell die Verwaltung der Matchr-Informationen direkt im Rahmen der üblichen Freundeslisten an. Für Mobiltelefone entwickelten wir kleine Applikationen, die für alle neuen Einträge im Adressbuch den Matchr-Status umgehend abfragten. Eine kleine Sensation war zudem die Gesichtserkennung, die wir Dank eines ungebremsten Zustroms an äußerst talentierten Entwicklern schon nach einem halben Jahr realisieren konnten: Damit war es möglich, Personen auf Schnappschüssen mit einem Matchr-Status zu versehen. Später wurden die markierten Gesichter mit Fotos aus den Social-Networks abgeglichen und bei einer eindeutigen Erkennung schließlich zugeordnet. Auch wenn die entscheidende Informationsanreicherung – das namentliche Markieren von Personen auf Fotos – manchmal erst Tage oder Wochen später von ganz anderen Nutzern nachgeliefert wurde.
Der letzte Schritt zur weltweiten Verbreitung war das History-Update: Auch für Bekanntschaften und Freunde aus früheren Zeiten konnte nun der Matchr-Status erfasst werden. Plötzlich waren Klassen- und andere Ehemaligentreffen wieder sehr beliebt. Wer Matchr nicht schon vorher kannte, war spätestens jetzt mit dabei.
Und natürlich hatte sich über Nacht für mich ein Vermögen aufgebaut, das sich so schnell vergrößerte, dass ich regelmäßig erstaunt war, wenn mich Journalisten auf die aktuelle Höhe ansprachen. Mit dieser einzigen und einzigartigen Relation – wer will was von wem – hatte ich quasi die Weltformel für die Erfüllung des wichtigsten menschlichen Bedürfnisses gefunden.
Wir waren derartig im Rausch, dass uns die Konsequenzen unseres Handelns erst sehr viel später bewusst wurden. Wir waren wie Kinder, die mit scharfen Waffen spielten – nur erlebten wir die Einschläge der von uns abgefeuerten Kugeln erst Jahre später. Millionen von Projektilen befanden sich zu diesem Zeitpunkt noch im Flug, unaufhaltsam die Konsequenzen. Wir konnten nur noch zusehen und uns absichern: Die Firmenzentrale von Matchr befindet sich mittlerweile an einem fiktiven Ort, unsere Serverfarmen sind derart über verschiedene Länder verteilt (und werden von rechtlich jeweils unabhängigen Gesellschaften betrieben), dass ein Zugriff auf die Daten nur durch eine Gesetzesänderung in mindestens drei Ländern möglich wäre und der Kernprozess des Matchings, bei dem wiederum erst die Daten einer Handvoll von Rechenpools zusammengeführt werden müssen, über ein fünfstufiges Schlüsselsystem gesichert ist. Ein manueller Zugriff auf den Matchingprozess ist komplett ausgeschlossen. Die gesamte Liste aller persönlichen Treffer erhalten Nutzer mit etwa drei bis fünf Tagen Verzögerung, während eine zusätzliche Sicherheitsbuchung per Kreditkarte getätigt wird. Zwar erhalten die Nutzer das Geld nach wenigen Tagen zurück, jedoch konnten wir aus den zwischengelagerten Geldern einen eigenständigen Bankenzweig – Matchsavings – aufbauen.
Geblieben ist die Möglichkeit, einen einzelnen Match (falls vorhanden) pro Tag zu erhalten, so dass etwa während eines Dates bereits das Matching-Ergebnis per Handy abgerufen werden kann.
Die Augen wurden uns erst geöffnet, als durch einen Blog-Eintrag von David Crozny die wahre Dimension unseres Datenschatzes der Öffentlichkeit und uns bewusst wurde: Matchr hält zwangsläufig für jeden Nutzer seine persönliche Inversliste bereit. Diese Liste enthält alle Menschen, die sich für eine bestimmte Person jemals interessiert haben – unabhängig von den Informationen, die diese Person in Matchr preisgegeben hat. Doch bleibt diese Inversliste unerreichbar, unzugänglich und verborgen.
Das Medienecho war gewaltig und die Reaktionen schockierend: Wir bekamen Unsummen zur Preisgabe einzelner Listen geboten (schießlich bis zu 10 Millionen von einem bekannten Multi-Milliardär), Mitarbeiter wurden gekidnappt und ein Blogger trat in London in einen öffentlichen Hungerstreik und verstarb. Unzählige Gutachter bestätigten jedoch, dass die verteilte Datenhaltung und unser Sicherheitsmodell den Zugriff auf diese Inversliste schlichtweg nicht zuließen.
Nun ist es 19:50 und ich habe von einem befreundeten Blogger Mensch 2.0 Informationen zugespielt bekommen, die darauf hindeuten, dass eine Gruppe namens Kommando Cassandra noch heute den Zugriff auf die eigene Inversliste ermöglichen wird. Auf unabhängigen Servern, ebenfalls weltweit verstreut und lange vorbereitet.
Mit ist nicht klar, wie es ihnen gelungen ist, unsere Datenbanken zu hacken. Mein leitender Engineer hat mir bestätigt, dass es keine auffälligen Datentransfers gegeben hat. Ich kann mir nur vorstellen, dass es eine Hintertür gegeben haben muss. Jemand aus dem Kernteam muss von ersten Tag an alle Daten in Kopie mitgeschrieben haben und in einem weiteren Datacenter gelagert haben. Ich verstehe allerdings nicht, was ihn motiviert haben könnte: Matchr hat schon immer alle Mitarbeiter mit Zugriff auf die Datenbanken so exorbitant gut bezahlt, dass Bestechung ausgeschlossen ist.
Ich habe nur eine grobe Vorstellung davon, was jetzt geschehen wird. Ich kann es keinem Menschen verdenken, sich nun seine Inversliste zu besorgen, so lange Kommando Cassandra die Daten bereit stellt. Ich bin kein Soziologe und habe keine Ahnung, was dies für all die Beziehungen und erst recht Ehen auf diesem Planeten bedeuten wird. So ziemlich jeder Mensch kennt eine Person, die immer unerreichbar geblieben ist. Was wäre, wenn es dazu auf der Inversliste noch eine Person gäbe, die alles mit ihm anstellen würde aber so unerreichbar ist, dass man sie nicht einmal wahrgenommen hat? Welches explosive Potential hätte diese Information? Wir alle haben gesehen, welche Anfeindungen Matchr bereits für seinen Grundansatz erleben musste. So manche Beziehung ist bereits gescheitert, weil schnell klar war, dass die neue Kollegin genauso schmutzig über eine Person denkt, wie diese über sie. Studien belegen, dass Jugendliche, die Matchr frühzeitig nutzen, im Schnitt zwei Jahre früher zum ersten Mal Sex haben, da die Kunst, sich einem Menschen zuvor zu offenbaren, nicht mehr mühsam gelernt werden mus.
Das Matchr-Prinzip hat immer das gedankliche Einverständnis von zwei Personen vorausgesetzt. Wir haben stets argumentiert, nur der Natur auf die Sprünge zu helfen und ihr quasi den Weg zu bahnen. Wir folgten damit der Denkweise der Open Information Movement, die dem Datenschutz trotzend die Idee vertritt, dass die Menschheit toleranter, friedlicher, freier und ehrlicher werden würde, wenn nur alle Menschen alles über einander aus Web-Datenbanken abrufen können.
Ich habe den grundsätzlichen Anspruch dieser Bewegung, der sogar von Mathematikern logisch bewiesen sein soll, bisher nie in Frage gestellt. Heute jedoch scheint mir zum ersten Mal zu dämmern, dass eine gigantische Datenbasis wie die unsere in falschen Händen aufs Äußerste missbraucht werden kann. Setzte der normale Matchingprozess ein grundsätzliches, aus Scheu nicht kommuniziertes übereinstimmendes Interesse voraus, werden nun durch die Aktion des Kommandos Cassandra einseitige Informationen in Hände derer gespielt, die mit Macht versuchen werden, das Wissen um Zuneigung für sich nutzbar zu machen. Und sei es nur, um sich einen Menschen gefügig zu halten.
Ich bin froh, dass ich Matchr niemals meine geheimen Wünsche anvertraut habe.





